Wollen statt werden

Wer die Sprachsteuerung von Geräten für den neuesten Schrei hält, lebt im Grunde schon wieder hinter dem Mond. Denn die Künstliche Intelligenz (KI) formiert sich. Und damit das Zeitalter der Algorithmen. Das fordert unsere Wachsamkeit.

Jahre hat es gedauert, bis die meisten von uns begriffen haben, wie oft der Buchstabe „H“ im Wort Rhythmus zu platzieren ist. Und an welchen Stellen. Nun setzt sich das Drama fort. Immer häufiger taucht das Wort Algorithmus auf. In den Medien und in öffentlichen Diskussionen. Der Unterton schwingt häufig gewichtig. Algo, Algo . . . verflixt, hätten wir bei der schulischen Vermittlung mathematischer und naturwissenschaftlicher Grundlagen doch besser aufgepasst. Jetzt rächen sich die Vorlieben für Sport und Sozialkunde, denn beim etwas unscheinbar wirkenden Begriff Algorithmus, handelt es sich um einen Ausdruck, der die revolutionäre Veränderung unsers Lebens bündelt. Und die findet jetzt gerade statt. Linguistische Fragestellungen sind dabei das geringere Problem.

Ein Algorithmus bezeichnet eine systematische Regel oder Vorgehensweise, die zur Lösung eines vorliegenden Problems führt. So sagt es das Online-Lexikon Wikipedia und verweist damit auf einen überraschend alltäglichen Vorgang. Denn die Praxis setzt seit Jahrtausenden auf Algorithmen. Selbst Kochrezepte oder Gesetze fallen unter die Kategorie der systematischen Handlungsanweisungen. In jüngster Zeit sind es die Myriaden von Computersteuerungen, die unser Leben auf Grundlage von programmierten Regeln organisieren. Bislang liebte die digitale Technik eine klare „Wenn-Dann-­Logik“ ohne Experimente. 0 oder 1 – keine weiteren Fragen, euer Ehren. Das scheint zugegeben etwas einfältig, ist aber meist praktisch und – solange niemand mit krimineller Energie stört – durchaus zuverlässig.

Doch nun verbünden sich die Algorithmen mit umfangreichen Datenbeständen und suchen rund um die Uhr nach Querverbindungen und Übereinstimmungen. Nach Mustern in all den Nullen und Einsen. Unsere gesamten digitalen Aktivitäten werden – wie wir natürlich längst alle wissen – von den Googles, Amazons, Alibabas, Apples und Microsofts dieser Welt gespeichert und ausgewertet. Damit sollen die Nutzerprofile immer genauer und das Verhalten von uns Nutzern immer vorhersehbarer werden. Die Datensammler haben leichtes Spiel, denn unsere Freizügigkeit ist enorm und das Interesse oft erschreckend gering. Hauptsache komfortabel. So weiß die Algorithmen gesteuerte Technik inzwischen meist schon im Voraus, wonach uns morgen sein wird oder beim wem es Probleme mit dem Rücken gibt. Zur Sicherheit sollen die Produkte, die wir als Nächstes wahrscheinlich bestellen werden, bei Versandhändlern schon im Warenausgang liegen. So hört man. Und die Krankenkassen passen auf Grundlage unserer digitalen Selbstkundgabe ihre Tarife an wie die Mineralölkonzerne den Benzinpreis an der Tankstelle. Auch Regierungen befriedigen ihren Kontrollzwang inzwischen digital, indem sie Profile ihrer Bürger erstellen. Wer ist gefährlich, weil er selbstständig denkt, wer nicht, weil er in erster Linie unkritisch vor sich hinkonsumiert? In China ist diese Fantasie längst kein Spaß mehr. Um den Versand bedürfnisorientierter Werbebotschaften allein geht es den Daten sammelnden Konzernen und Regierungen nicht mehr, und so dürfen wir uns auf was gefasst machen, wenn Maschinen beginnen, selbstständig zu agieren und von den Gewohnheiten ihrer Nutzer lernen. Genau das beschreibt der Begriff Künstliche Intelligenz.

Im Moment machen sich noch mehr Menschen als ohnehin Gedanken zur Zukunft der Küche. Besonders im Messewesen. Stets geht es um Trends und Entwicklungen und immer um die Frage: „Wie werden wir in Zukunft leben?“. Das ist ein interessanter Ansatz und auch wir vom KÜCHENPLANER sind offen dafür. Und doch scheint es ratsam, nicht allein auf das „Werden“ zu schauen, sondern parallel auf das „Wollen“. Sprich: „Wie wollen wir in einer digitalisierten Welt leben? Was ist sinnvoll, was nicht? Wollen wir uns völlig gläsern machen, Hauptsache der Unterhaltungsfaktor stimmt?“ Einem Algorithmus mag ich die Antworten darauf ungern überlassen. Alexa übrigens auch nicht. Auch wenn das noch so praktisch und komfortabel scheint.

Dirk Biermann

 

Dieser Text ist als Editorial in der Fachzeitschrift KÜCHENPLANER, Ausgabe 1/2 2018 erschienen.

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