Was denn nun?

Die Küche verändert ihr Gesicht. Darüber sind sich alle einig. Doch was genau kommt auf uns zu? Zwischen Hygge, Industrial und Wabi-Sabi gibt es verwirrend viel Spielraum. Oder müssen wir uns gar nicht entscheiden, weil letztlich die Individualität zählt und jeder ohnehin macht, was er will?

Einmal zum Möbelgucken und schon ist der XXL-Rollwagen voll mit Kerzen, Kerzenhaltern und Kerzenuntersetzern. Aber auch mit Bilderrahmen, Kissen, Schalen und anderem Schnickschnack mit Kupferpatina. Für ein gemütliches Zuhause konnte es in den letzten Jahren gar nicht verspielt genug sein. Hauptsache wohnlich, Hauptsache gemütlich, Hauptsache Hygge. Gern auch selbst gemacht. Der von gefühlter Unsicherheit gebeutelte Mensch will schließlich wenigstens daheim so etwas wie Beständigkeit spüren. Homing wurde dieser vollständige Rückzug ins Private getauft. Oder Cocooning. Der wohnende Mensch als Einsiedler einer streng gesicherten „My-home-is-my-Castle-Area“ war für viele ein einträgliches Geschäft. Und ist es noch. Das lässt den Luxushersteller ebenso vergnügt in die Hände klatschen wie die 1-Euro-Branche.

Doch wie stets wohnt dem Trend der Gegentrend bereits inne, und die zunehmend überbordend wirkende Gemütlichkeit eines aus dem Ruder gelaufenen Midsommars musste sich wie über Nacht mit handfester Industriekultur messen. Blanker Stahl, rohes Gestein, ungehobeltes Holz. Dieser Einrichtungsstil weiß mit markanten Statements zu beeindrucken und lässt mit seinem Platzhirschgehabe wenig anderes neben sich gelten. Ego zählt. Und jetzt Wabi-Sabi. Von allem wenig, aber davon nur das Allerbeste. So lässt sich dieser Anspruch an das ästhetisch-reduzierte Wohnen frei übersetzen. Wobei die Bandbreite der Umsetzungen von kühl über streng bis zu zum Niederknien schön reicht.

Ausstellungsgestaltern kann das alles den Schlaf rauben, und wenn die Dinge schlecht laufen, in die Verzweiflung treiben. Eine Küchenausstellung ist schließlich kein Mitnahmemarkt. Einfach mal die Körbe mit der Aktionsware austauschen, reicht nicht aus.

Worin also investieren? Das fragt sich in diesen Tagen so mancher Studiobetreiber und sucht nach Orientierung. Einer der ersten Wege führt ins Netz. Das soll ja schließlich alles wissen vor lauter Schwarmintelligenz. Doch richtig schlau machen die durchgeklickten Nächte nicht. Zu viele Experten, die alle durcheinanderreden und sich partout nicht einigen können. Bleiben die Messen als Trendschau mit Praxisbezug. Die imm cologne übernimmt traditionell den Jahresauftakt, dann folgt Mailand. Beide Veranstaltungen waren auch in diesem Jahr inspirierend, aber auch ein wenig bedrückend. So viel Schwarz.

So muss man kein zertifizierter Prophet sein, um vorauszuahnen, dass wir auf der Küchenmeile 2018 mit sehr vielen dunklen und anderen gedeckten Fronten und Farben konfrontiert werden. Zum Glück ist Licht ein weiterer stabiler Trend, und so wird mancher Designexzentrik in der Gesamtwirkung zumindest der spitzeste Zahn gezogen. Minimalistisch und trotzdem gemütlich – in diese Richtung wird es wohl gehen. Eine Mischung von Hygge und Wabi-Sabi. Wo die Industriekultur dabei bleibt mit ihren vielen Kilometern schwarz eloxierter Regalprofile, muss jeder Küchenplaner eigenständig entscheiden. Aber genau das macht den Reiz der individuellen Küchenplanung aus. Persönlichkeit zählt und überzeugt. Was man selbst aus Überzeugung plant, hat reelle Chancen, beim Kunden auf Begeisterung zu stoßen. Trend hin oder her. Mal sehen, was die Küchenmeile dafür bereithält.

Dirk Biermann

 

Dieser Text ist als Editorial erschienen in der Ausgabe KÜCHENPLANER 9/2018.

Teile diesen Beitrag ... Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.