Kein Raum für Egomanen

Wann ist eine Idee stimmungsabhängiger Selbstausdruck eines Kreativen, wann eine modisch verlässliche Aussage und wann ein stabiler Einrichtungstrend?  Auf welche grundsätzlichen Gestaltungsrichtungen sollte man sich als Planer konzentrieren, wenn am Ende doch alle machen, was sie wollen, weil die Individualität so hipp ist? Sind drei Farben schon eine Strategie? Und die Holznachbildung wirklich besser als das Original, nur weil sich die Oberflächen oberflächlich betrachtet so sehr ähneln? Was ist mit dem Lust am Echten? Gilt die nur auf der Arbeitsfläche? Dem Rausch folgt der Kater. So ist es auch im Anschluss an die Küchenmessen in Berlin und Ostwestfalen.

Die Hersteller von Möbeln, Geräten und Zubehör sprühen derzeit nur so vor Ideen. Das ist wahrhaft berauschend, weil keine Küche der anderen gleichen muss. Innerhalb weniger Jahre hat sich die heimische Industrie eine Individualisierungskompetenz in Design und Produktion angeeignet, die zurückhaltende Geister stumm verzückt und Küchenliebhaber betrunken machen kann vor Glück.

Dabei ist für planende Küchenspezialisten ein klarer Kopf nötiger denn je, um aus der Bandbreite an Möglichkeiten die richtigen Perlen herauszupicken. Denn was tun, wenn Nischendekore im Antik-Kachel-Look dem Blick schmeicheln, zeitgleich Hirnholz-Fronten markant brummen, Metallic-Oberflächen luxuriös schillern, Naturstein-Arbeitsflächen als Unikate glänzen, der Landhaus-Herd seine beruhigende Verlässlichkeit entfaltet und der neue Ton der Spüle schlicht den Atem raubt? Alles zusammengefügt wäre ein Desaster. Eine anständige Küche lässt sich mit der Aneinanderreihung von Highlights gewiss nicht kreieren.
Doch die Küchenmeile wäre nicht die Küchenmeile, wenn sie ihre Gäste mit einem Ideen-Burn­out allein ließe. „Wir machen keine Küchen für Räume, sondern für Menschen in einer konkreten Lebenssituation“, heißt es so oder so ähnlich rund um Löhne und Rödinghausen. Vielleicht nicht überall, aber mancherorts. Und das immer häufiger. Die Trendsetter der Industrie produzieren nicht nur Ideen am Fließband, sondern polieren parallel an wohlbekannten Begriffen wie „Zielgruppe“ und „Bedürfnisplanung“.

Das mag klingen wie ein alter Hut – und dem ist auch so. Dennoch kann es sich für den Fachhandel lohnen, die eigene Herangehensweise an die zahlende Kundschaft daraufhin zu aktualisieren. Und mit ihr die Gestaltung der Ausstellung. Vielleicht doch mehr Funktion, mehr Komfortideen und mehr Emotion? Und vielleicht sogar Beispiele, wie sich selbst der Wohnraum mit Möbeln und Regalen aus der Küche einrichten lässt?

Die Küchenvielfalt anno 2016 nimmt keine Rücksicht auf Einzelschicksale. Selbst das kreativste Produkt muss vom Olymp herabsteigen und sich in ein ausgewogenes und auf den konkreten Küchennutzer abgestimmtes Gesamtkonzept eingliedern. Steinfronten, Kupfergriffe, Kreativhauben und der vernetzte Backofen sind tolle Errungenschaften – aber für das Ego Einzelner ist in der Küche derzeit kein Raum. Das mag der Muldenlüfter doof finden, aber da muss er durch.

Dirk Biermann

 

Erschienen ist dieser Beitrag als Editorial in der Fachzeitschrift KÜCHENPLANER, Ausgabe 10/11 2016

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