Die Tücken der Entspannung

Das Leben hat seine natürlichen Herausforderungen. Wer zusätzlich und maßlos aufs Tempo drückt, provoziert den automatischen Not-Halt – damit nichts Schlimmeres passiert. Aktiv auszuruhen, wird dem überhitzten Leistungsbewussten empfohlen. Doch wie geht das mit der Entspannung?

Hinlegen und nix tun? Das ist wie Schlafen. Oder sich doch besser auf ein Kissen setzen, die Beine verknoten und Worte murmeln unbestimmter Herkunft und ebensolchen Sinns? Die professionell geführte Reise nach Innen kann helfen, damit man als Anfänger nicht abhanden kommt vor lauter Entspannung. Die Tücken lauern im Detail.

iTunes bleibt nichts verborgen, auch Podcasts mit Entspannungshintergrund sind schnell gefunden und abonniert. „Tiefen-Entspannung mit …“ plätschert es verheißungsvoll im Display des Abspielgerätes, für mehr Worte fehlt der Platz. „Das ist es“, glaubt der von den Tragödien des Alltags Gebeutelte und drückt auf Start.

Harmonische Klänge füllen die Ohrstöpsel und suchen sich ihren Weg von den Ohren über verschlungene Pfade in jene Gehirnteile, die für den Müßiggang zuständig sind. Nach einigen Sekunden übernimmt eine sanfte Stimme das Kommando und fordert mich auf, nacheinander verschiedene Körperteile anzuspannen und wieder loszulassen und mich ganz der Unterlage anzuvertrauen. Mit den Beinen fängst an. Ich bin motiviert und tue wie mir geheißen.

Die männliche Stimme säuselt von Vertrauen, Loslassen und dass ich das Atmen nicht vergessen soll. Ich bin artig und folge den Anweisungen, atme und lasse mich in Gedanken auf einer großen Wolke nieder – Weiß natürlich. Wolken in Phantasiereisen sind immer Weiß, denn wären Sie Schwarz, läge großes Übel in der Luft; und das nicht nur wetterbedingt.

Ich throne also auf meiner Wolke, lächle selig und ignoriere die gräulichen Verfärbungen am Rand der himmlischen Unterlage, so sehr bin ich mit mir. „Stell Dir nun vor“, fährt die Stimme fort, „dass sich die Wolke vor Dir öffnet.“ Auch dies setze ich um und erblicke wie angekündigt eine bewaldete Landschaft. Ich begebe mich in Gedanken dorthin und bin weiter ganz Ohr, inzwischen angemessen entspannt: „Betrachte die Lichtung, auf der Du stehst, … die Weite der Landschaft in der Ferne, … den See zu Deiner Linken, … und die Bäume vor Dir. … … … Die Stimme macht eine längere Pause und gibt mir damit Zeit, noch genauer zu beobachten, noch gewissenhafter zu atmen, noch tiefer in eine wohlige Entspannung hineinzugleiten. … „Ein Wald“, flötet die Stimme …“wie im Dschungel“ …

Zack. Ansatzlos rauscht ein weißes langes Auto durchs Blätterdach und kracht in die Farne. Aus den beiden Seitenscheiben im Fond grinsen zwei Gesichter: das, einer blonden Frau, und das, eines runden, bunten Mannes. Beide kreischen: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus.“

Text und Foto: ©Dirk Biermann

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