Die Last mit der Lust am schnellen Wort

Was müssen das für aufreibende Zeiten gewesen sein, als jede Kurzmitteilung noch als Bildergeschichte mit dem Handfäustel in Granit gemeißelt werden musste. Von wegen mal eben eine E-Mail schreiben. Über einen gewöhnlichen Einkaufszettel dürften schnell mehrere Tage vergangen sein. Blutig gehauene Finger oder Verletzungen durch herumfliegende Splitter inklusive. Schwere Zeiten. Ganz schwere Zeiten.

Wörter sind eine tolle Erfindung. Zusammengesetzt zu Mitteilungen erst recht. Mit Wörtern lassen sich komplizierte Sachverhalte für alle verständlich auf den Punkt bringen. Schriftlich und verbal. Universell verwendbar sind viele Wörter obendrein. So beschreibt das Wort Hammer nicht mehr allein ein zum Schlagen oder Klopfen geeigneten Gegenstand mit einem Kopf aus Metall (bevorzugt) und einem rechtwinklig daran befestigten Stil aus Holz (meist). Längst dient Hammer als Umschreibung für Gefühlszustände aller Art. Oder als Bewertungskriterium für kreative Leistungen. Dann häufig als kumpelhaftes Hammaaaaa benützt. Oder in der emotionsgeladenen Steigerungsform „echt Hamma“. Quer durch alle Gesellschaftsschichten hat sich der Hammer empor geklöppelt und den Begriff geil zurück in die Abgründe der Geizgosse geschubst. Das wiederum tut hammermäßig gut.

Doch kein Licht ohne Schatten. Dunkle Kreaturen haben die Alltagssprache unterwandert und erklimmen als Worthülsen getarnt die Karriereleiter. Einst waren sie mit Sinn gesegnet, doch hat sich dieser durch ebenso inflationären wie unachtsamen Gebrauch verflüchtigt wie Tau in der Morgensonne eines lauschigen Julitages.

Der Trend gehört zu dieser Riege zwielichtiger Gesellen. Ob er sich erinnert, dass mit seiner Hilfe einmal grundsätzliche gesellschaftliche oder wirtschaftliche Strömungen und Entwicklungen beschrieben werden konnten? Dabei war sein Abstieg absehbar. Spätestens als er sich mit der flatterhaften Tendenz eingelassen hatte, die ihn peu a peu umgarnte, um schließlich ganz von ihm Besitz zu ergreifen. Steht heute irgendwo Trend geschrieben, kann es gut sein, dass sich dahinter lediglich eine Tendenz verbirgt als wahrgenommene Häufung von Ereignissen, die in eine bestimmte Richtung zielen. Das macht auch der Vater aller Trends, der Megatrend, nichts dran.

Obacht ist ferner bei Innovation geboten. Damit ist schon längst nicht mehr allein etwas gänzlich neu Erschaffenes gemeint. Schon angepasste Details bekannter und bewährter Gegenstände sonnen sich großspurig im innovativen Glanz. Als Wortempfänger muss man aufpassen wie ein Luchs, um dem selbstbewusst auftretenden Emporkömmling zu widerstehen.

Kommen wir schließlich zur Nachhaltigkeit, dem wohl jüngsten Spross auf der Liste bedrohter Worte. Seitdem mit Bio wieder Geld zu verdienen ist, bekommt alles, was nach Wald riecht und bei drei nicht auf dem Baum ist, das dazugehörige Etikett verpasst. Nachhaltig ist, was den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Manche verbale Nachhaltigkeitssiegel sind so groß, dass diese Bedeutung darunter glatt verloren geht.

Die modernen Zeiten sind in erster Linie eins: schnell. Das gilt auch für viele Wortgebraucher. Kurz nicht aufgepasst, schwups, trenden nahhaltige Innovationen durch Bleiwüsten und Pixelwälder, dass es nur so summt, brummt und Augenbrennen macht. Da meldet sich die Frage: Wo gibt es heutzutage eigentlich Handfäustel zu kaufen?

 

Text und Foto: ©Dirk Biermann

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