Der undankbare Sohn

Sigrid* ist 37 und hat ein Problem. Sie macht und tut, um ihrem 8-jährigen Sohn eine glänzende Zukunft zu ermöglichen – und wie reagiert der Bengel? Er stellt sich stur, verweigert den Klavierunterricht, und zu den Gesangsstunden will er auch nicht mehr. Das ist ein Fall für Frau Ruth von der Sonntagszeitung.


Allein fühle er sich, habe der Sohn kürzlich dem Gatten von Sigrid anvertraut; unter Tränen. Und es kommt noch dicker: Er wolle lieber mit anderen Kindern draußen spielen, anstatt zum Musikunterricht zu müssen. „Ich habe zwei Minijobs und trage zusätzlich Zeitungen aus, um unseren Sohn den Unterricht zu bezahlen“, klagt Sigrid und man merkt ihr an, dass ihr so viel Undankbarkeit zu schaffen macht. „Andere wären doch froh um die Chance, eines Tages ein Star zu sein.“

Frau Ruth lobt in ihrer Antwort vorab den mütterlichen Ehrgeiz und den bemerkenswerten Einsatz, dem Sohn dies alles zu ermöglichen. Das ist psychologisch geschickt und lässt das anschließende ABER weicher wirken. Ganz sanft spricht Sie von dunklen Schattenseiten und von unterschiedlichen Auffassungen. Ihr professioneller Rat setzt auf Kooperation: „Ihr Sohn möchte ein ganz normaler kleiner Junge sein, der nach der Schule mit anderen spielt statt mit Musiklehrern zu arbeiten. Reden Sie mit Ihrem Kind und Ihrem Mann darüber, was Ihnen allen guttut.“ Puh, das Problem wäre gelöst.

Andererseits: Vielleicht hat Frau Ruth vorschnell geratschlagt. Mit 8 Jahren spielen andere Kinder schließlich nicht mehr im Sandkasten, sondern Klavier im Finale vom Supertalent. Wer weiß, wo das noch alles hinführt! Heute ist es die Musik, morgen verweigert der Sohn den englischsprachigen Philosophiekursus und übermorgen schwänzt er die Ballettstunden. Und was ist mit dem Reitunterricht, der Kalligrafie und dem Informatikkursus bei der Volkshochschule? Optimal ist das alles nicht. Wer könnte noch helfen?

Wir könnten die Supernanny einschalten, aber die hat mit RTL gezankt und kümmert sich nur noch um ihre eigenen Kinder. Peter Zwegat ist für diesen Fall der falsche Ansprechpartner, und für Martin Rütter fehlt ein Hund. Ursula von der Leyen – wahrscheinlich keine Zeit. Bliebe das pädagogische Geschick von Dieter Bohlen. Von wegen reden, Frau Ruth, ins Casting gehört der Junge. Dort werden Stars gemacht. Wenn auch das nicht hilft, gibt’s noch das Erziehungscamp auf RTL2. Spätestens dort werden dem undankbaren Bengel die Flötentöne beigebracht. Sigrid, das kriegen wir hin.

Dirk Biermann

*alle Namen von der Redaktion geändert

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