Der steinige Weg zur Sommerzeit

Eine Woche ist das jetzt her mit der Zeitumstellung. Wer glaubt, das Ärgste hätten wir hinter uns, irrt. Nach dem biologischen Jetlag fängt der Ärger erst an.

Der menschliche Körper scheint den Sinn von Winter- und Sommerzeit zu ignorieren. Oder er versteht ihn nicht. Jedenfalls tut er um acht Uhr noch so, als sei es sieben. Es braucht einige Tage, bis sich das eingependelt hat und auch der Biorhythmus endlich weiß, wie die Stunde geschlagen hat. Aber es ist ja auch ganz schön, dass es nun länger hell bleibt. Das hat so etwas Mediterranes. Auch in Ostwestfalen.

Wenn bloß die Uhren mitmachten. Die fremdbestimmten per Funk haben die Sache schnell im Griff, und die ganz einfachen hinten zum Drehen auch. Aber in unserer modernen Welt ist ja alles mit einer elektronischen Zeitmessung ausgestattet. Das scheint praktisch, doch es täuscht. Wer nicht aufpasst, verliert sich in den Tiefen der Menüführungen von Festnetz- und Mobiltelefon, Radiowecker, Blutdruckmessgerät, ipad, iphone, ipod, Laptop, Netbook, Desktop-Computer, Sat-Receiver oder dem Timer der elektrischen Zahnbürste. Die Eieruhr kann warten, die steht eh ganz hinten unten im Schrank.

Fies sind auch die Uhren im Auto. Es wäre ja auch viel zu simpel, sich gemäß der Straßenverkehrsordnung zu verhalten und die aktuelle Zeit vor Fahrtantritt einzustellen. So etwas fällt einem stets erst beim Warten an der roten Ampel auf. Und dann geht’s los mit dem Drücken und Drehen an allen möglichen Knöpfen, Knebeln und Hebeln. Ja nach Autotyp lauern die Tücken im Detail: Einmal voreilig mit „ok“ bestätigt, regelt der Tempomat nun bei Tempo 30 ab, die Basis-Einstellungen der Klimaautomatik laufen ab sofort nach finnischer Voreinstellung und die Sitzheizung konditionsstark auf Dauerbetrieb. Dann hupt es auch schon hinter einem und man muss weiter.

Doch der Jagdtrieb ist erwacht. Wäre doch gelacht, wenn diese zickige Uhr sich nicht umstellen ließe. Das bisschen Autofahren läuft nebenbei. Mit ein bisschen Glück kommt bald die nächste rote Ampel. Das schont den Lack.

Doch im Grunde sind diese Beispiele nur Vorübungen für die Königsklasse der Zeitaktualisierung. Konfrontiert wird der moderne Mensch mit dieser Herausforderung im Herz der eigenen vier Wände, dort wo man sich am liebsten an Heimeligkeit und Harmonie labt: in der heimische Küche.

Die Backofenuhr wird in Zeiten der Zeitumstellung zum Technik gewordenen Mysterium. Gut, so Backöfen müssen eine Menge automatisch können, da darf man nicht erwarten, dass die Rubrik „Uhrzeit“ ganz vorn unter den Einstellmöglichkeiten rangiert.

Aber mal ehrlich, wie häufig nutzen Sie das Automatikprogramm für Zwiebelkuchen Elsässer Art? Das hätten die Entwickler von solchen Geräten doch zugunsten der Zeitumstellung etwas weiter hinten positionieren können. Stattdessen wird das Erinnerungsvermögen drangsaliert, dass es nur so raucht und glüht und Funken speit.

Wie war das noch mal? Taste „Timer“ gedrückt halten und Steuerung Shift – Quatsch, so hilft man sich am Computer, wenn nichts mehr geht. „Timer“ und … die Auswahl ist groß und probieren ging schon über studieren. Die Bedienungsanleitung? Pah, was für Anfänger. So etwas hat man im Gefühl. Gerade als Mann.

Zehn Minuten später wähnt man sich im Kreis zu drücken. Wie in der Wüste, wenn man statt auf eine Oase immer wieder auf die eigenen Fußspuren stößt. Ob das Symbol mit der angedeuteten Hand doch eine Bedeutung hat? Oder sollte ich bei „Clear“ mit einem optimistisch gehauchten Ja antworten? Der Knopf, der auch für die Pyrolyse-Funktion zuständig ist, kann es ja wohl nicht sein. Oder doch? Vielleicht habe ich auch nur in der verkehrten Reihenfolge gedrückt und gedreht – also alles noch mal von vorn.

Drei Stunden später scheint der Durchbruch nah. Die Ziffern beginnen zu blinken und scheinen damit eine Art Veränderungsbereitschaft zu signalisieren. Jetzt ganz behutsam, so Uhren können sehr sensibel sein, wenn sie erstmal geweckt wurden. Man denke bloß an Bären nach dem Winterschlaf. Ein Moment der Unachtsamkeit genügt und die Anzeige der Uhr rast in die verkehrte Richtung. Dann sitzt man da mit seinen verspannten Schultern auf den kalten Fliesen und drückt sich  Hornhaut an den Zeigefinger. 23 Stunden können lang werden.

Dann ist es plötzlich geschafft. Wie? Egal. Die Backofenuhr zeigt die korrekte Zeit an. Nur das zählt. Für kritische Spitzfindigkeiten bleibt jetzt kein Raum. Es ist Sommerzeit! Genießen wir die langen Tage. Das letzte Oktoberwochenende kommt schneller als uns lieb ist.

 

Text: ©Dirk Biermann

 

 

 

Teile diesen Beitrag ... Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.