Back to Anbauküche

Es gibt Möbel, die wirken wie ein Cord-Anzug. Irgendwie aus der Zeit gefallen. Dabei sind sie topmodern. Denn Retro ist wieder mal Trend. An der Küche geht die revitalisierte Prilblumen-Ära weitestgehend vorbei. Doch es gibt schlimme Ausnahmen.

Im Grunde war es nach der LivingKitchen wie nach jeder großen Küchenmesse. Tagelang pilgert man in einer Parallelwelt durch abgedunkelte Ausstellungshallen und lässt sich von 1001 Küchenideen begeistern – und dann sitzt man am ersten Nachmessetag etwas zerzaust am heimischen Frühstückstisch, schlägt einen Möbelprospekt mit „großer Küchenbeilage“ auf und bekommt die Wahrnehmungen der letzten Tage nicht synchronisiert mit dem, was da an „Küchenglück“ per Prospekt ins Haus geflattert ist. Wo sind sie geblieben, die echten, natürlichen, edel-matten Oberflächen und aufregenden Materialien? Wo die schwenkbaren Schrank-Tablare und Geschirrspülmaschinenkörbe? Wo die sensorgesteuerte Hauben- und Ofentechnik? Wo die handfesten Griffe und Knebel? Wo das grifflose Möbel- und Gerätedesign, das in seiner simplen Eleganz manchmal einfach nur zum Niederknien schön ist. Stattdessen plumper Preiseinstieg im Vierfarbdruck. Kurz vor der 4000-Euro-Marke dann die Krönung: Drei weiße 60er-Möbelkorpen zu einem Inselblock verschraubt und drapiert auf ein etwa 20 cm hohes Holzgestell mit schräg abstehenden Elefantenfüßen. Das soll wohl an die aufstrebenden „50er“ des vergangenen Jahrhunderts erinnern. Schlimm ist das, wirklich schlimm. Aber immerhin Retro irgendwie. Zum Glück wird die „Insel“ nicht auch noch im Nierentisch-Design offeriert. Aber das wäre in dieser Preisklasse wohl auch übermotiviert.

Es ließe sich seitenlang über die zweifelhafte Qualität der gängigen Küchenwerbung in Tageszeitungen plaudern, doch das führt zu nichts. Viel interessanter ist das Thema hinter dem Beispiel: Der grundsätzliche Trend zum Stil der 1950er- bis 1970er-Jahre hat seinen Grund. Der moderne Mensch sucht immer häufiger ein Gegengewicht zu den Auswüchsen des durchdigitalisierten Alltags. Je glatter und oberflächlicher das öffentliche Leben summt und brummt, so scheint es, umso erdiger, anfassbarer und lebendiger soll es privat zugehen. Der Mensch ist schließlich auch nur ein Tier und er sehnt sich danach, mit seiner Umgebung in Beziehung zu gehen. Er will Verbindung spüren in diesem als Kommunikation definierten Dauerrauschen, das sich täglich neu aus Hunderten von E-Mails, Kurznachrichten und Egokundgaben via Social Media speist.
Die Wohnung als ureigener Rückzugsort bietet sich für diesen temporär nutzbaren Gegenentwurf an, und das beeinflusst auch die Kücheneinrichtung. Eine Atmosphäre des strengen rechten Winkels ist im Arbeitsdreieck zwischen Spüle, Herd und Kühlschrank jedenfalls auf unbestimmte Zeit passé. Selbst das etwas zugeknöpfte Bauhaus zeigt sich warm und zugänglich. Und das soll was heißen.

Retro in der Küche ist mehr als heiteres Prilblumen-Design. Das ist die gute Nachricht. Stattdessen wird es immer flexibler. Feste Einbauten werden mit Modulen kombiniert. Das schafft Leichtigkeit und erlaubt je nach Wunsch und Bedürfnis des Kunden individuelle Umsetzungen und haucht der längst zu Grabe getragenen Idee der Anbauküche neues Leben ein.
Und besonders die allgegenwärtigen Regale: Mit ihnen lassen sich Küchenstile, die jahrzehntelang wie in Granit gemeißelt nur eine einzige Art der Umsetzung zuzulassen schienen, kreativ und immer wieder anders ins Leben bringen. Regale gab es schon immer. Sicher. Aber nicht so schön. Das Spiel mit geschlossenen und offenen Flächen bietet jedenfalls zahlreiche Möglichkeiten.

Auf die allzu leichte Schulter sollte man die Regalplanung aber auch nicht nehmen. Vor allem der Heimwerkerfraktion sei gesagt: Drei Billys machen längst noch keine Küche.

Dirk Biermann

PS: Die Prilblume wurde 1972 vom Unternehmen Henkel für die Kampagne „Fröhliche Küche“ entwickelt. Beworben wurde damit das Spülmittel Pril.

PPS: Ich respektiere ausnahmslos jedes Küchenbudget. Die ironische Färbung dieses Textes bezieht sich allein auf die Darstellung mancher Entwürfe.

Dieser Text ist als Editorial in der Fachzeitschrift KÜCHENPLANER, Ausgabe 1/2 2017, erschienen.

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